Selbsttätigkeit, Beobachtung und institutionalisierte Praxis: Montessori und Pikler im Spiegel moderner Frühpädagogik

von Manuela Elers | Sep. 25, 2025 | Pressemitteilung

Theoretische Grundlagen und Paradigmenwechsel

Maria Montessori und Emmi Pikler stehen nach wie vor im Zentrum aktueller Debatten zur Frühpädagogik, da ihre Ansätze die Kompetenz und Selbsttätigkeit von Kleinstkindern konsequent in den Blick nehmen. Die Forschung zur frühen Kindheit erlebt gegenwärtig eine Neubewertung klassischer pädagogischer Konzepte: Kinder werden zunehmend als aktive Subjekte verstanden, die bereits ab Geburt ihre Umwelt explorieren, soziale Beziehungen aufbauen und kognitive sowie motorische Fähigkeiten eigenständig entwickeln. Montessori und Pikler haben frühzeitig Konzepte entwickelt, die diese Autonomie fördern und institutionalisierte Bildungs- und Betreuungsformen darauf ausrichten. Ihre Arbeiten bilden somit eine zentrale Brücke zwischen historischen Erziehungstheorien und modernen empirischen Erkenntnissen zur kindlichen Entwicklung.

Montessori legte den Schwerpunkt auf eine vorbereitete Umgebung, die Eigeninitiative und Konzentration fördert. Kinder sollen selbstständig handeln, ihre Entscheidungen treffen und Erfahrungen im Umgang mit Materialien machen, die ihre kognitive, motorische und soziale Entwicklung stimulieren. Pikler ergänzte diese Perspektive durch die Betonung von respektvoller, nicht dirigierender Interaktion, die vor allem in der Pflege, der motorischen Förderung und der alltäglichen Begleitung von Säuglingen sichtbar wird. Beide Ansätze teilen die Überzeugung, dass Kinder von Natur aus kompetent sind und dass frühkindliche Bildung vor allem darin besteht, diese Kompetenz zu unterstützen und nicht zu ersetzen.

Empirische Beobachtungen und Praxisbezug

Angelika Steinschulte untersucht in Maria Montessori und Emmi Pikler in Theorie und Praxis die Umsetzung dieser Ansätze in einer realen Kinderkrippe. Auf Grundlage teilnehmender Beobachtung, Protokollen und Interviews mit Erzieher:innen analysiert sie, wie Montessori- und Pikler-Prinzipien konkret in Alltagssituationen umgesetzt werden. Die Studie zeigt, dass Kinder in entsprechenden Umgebungen auffallend selbstständig agieren, eigene Lern- und Spielprozesse initiieren und sowohl soziale als auch kognitive Kompetenzen aus eigener Motivation heraus entwickeln.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Kinder in den untersuchten Krippen nicht nur motorische Fähigkeiten eigenständig erwerben, sondern auch komplexe soziale Interaktionen und selbstreguliertes Verhalten entwickeln, ohne dass permanente externe Steuerung durch Fachkräfte notwendig ist. Dies belegt empirisch, dass die theoretischen Grundannahmen Montessoris und Piklers – von der Selbsttätigkeit als zentralem Entwicklungsmotor bis zur Bedeutung von Beobachtung statt Intervention – in der Praxis fruchtbar und wirksam umgesetzt werden können.

Integration mit neueren Forschungsansätzen

Die Studie verbindet klassische Pädagogik mit aktuellen Erkenntnissen der Säuglings- und Entwicklungsforschung. Moderne empirische Studien bestätigen, dass Säuglinge und Kleinkinder von Geburt an aktive Akteure sind, die ihre Umgebung selbstständig erforschen und Fähigkeiten im sozialen und kognitiven Bereich entwickeln. Steinschulte zeigt, dass Montessoris und Piklers pädagogische Konzepte in diesem Licht nicht nur historische Bedeutung haben, sondern als methodisch fundierte Grundlage für zeitgemäße Frühpädagogik dienen. Dies eröffnet eine Brücke zwischen theoretischer Reflexion, empirischer Evidenz und praxisorientierter Gestaltung von Bildungsumgebungen für Kleinstkinder.

Praktische Implikationen und pädagogische Relevanz

Die Arbeit leistet einen zentralen Beitrag für Fachkräfte in der Frühpädagogik: Sie bietet einen klar strukturierten Ansatz, um theoretische Konzepte in die Praxis zu übertragen, und liefert methodische Orientierung für die Beobachtung, Reflexion und Gestaltung von Lernumgebungen. Aspekte wie Raumgestaltung, Interaktion mit Kindern, Förderung der Eigenständigkeit und die Planung alltäglicher Abläufe werden auf Basis empirischer Befunde praxisnah analysiert.

Für Pädagog:innen, Leitungspersonen in Kindertageseinrichtungen und Studierende der Erziehungswissenschaften bietet die Studie ein wertvolles Instrument, um Montessori- und Pikler-Prinzipien systematisch umzusetzen. Sie ermöglicht eine evidenzbasierte Reflexion der eigenen Praxis und eröffnet Perspektiven für die Weiterentwicklung von Betreuungs- und Bildungsmodellen, die die Selbsttätigkeit und Kompetenz von Kindern konsequent in den Mittelpunkt stellen.

Die Untersuchung von Steinschulte zeigt eindrücklich, wie historische Theorien der frühen Pädagogik empirisch fundiert und praxisnah aufbereitet werden können. Sie verdeutlicht, dass die Verbindung von Beobachtung, theoretischem Wissen und pädagogischem Handeln zentrale Voraussetzungen für eine moderne, kindzentrierte Erziehung darstellt und eröffnet zugleich Impulse für die weitere Forschung im Bereich der frühkindlichen Entwicklung.

Bibliografische Angaben: Maria Montessori und Emmi Pikler in Theorie und Praxis ISBN: 978-3-86376-030-4 Verlag: Optimedien Erhältlich über: elitebuch.com und im einschlägigen Fachbuchhandel.