Historische Perspektiven auf koloniale Intervention und revolutionäre Transformation: Die britische Militäraktionen in Saint‑Domingue

von Manuela Elers | Sep. 18, 2025 | Pressemitteilung

Einzigartiger Sklavenaufstand und geopolitische Umbrüche – eine Forschungslücke

Die 1790er Jahre markieren eine Epoche tiefgreifender Umbrüche in der Karibik, die durch ein komplexes Zusammenspiel sozialer Revolutionen, kolonialer Machtinteressen und europäischer Kriege geprägt war. Die Haitianische Revolution (1791–1804) stellt dabei ein einzigartiges historisches Ereignis dar: Als der einzige groß angelegte und erfolgreiche Sklavenaufstand führte sie nicht nur zur Gründung des unabhängigen Staates Haiti, sondern veränderte auch die geopolitische Landkarte der Neuen Welt nachhaltig. Sie war ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des atlantischen Kolonialraums, da sie die europäische Kolonialmacht Frankreichs schwächte, die politischen und wirtschaftlichen Interessen anderer europäischer Mächte berührte und die Bedingungen für die Entstehung transatlantischer Netzwerke von Widerstand und Emanzipation veränderte.

Die Revolution in Saint-Domingue war dabei nicht isoliert, sondern Teil eines weiteren globalen Transformationsprozesses: Sie fiel in eine Zeit, in der die Französische Revolution politische Ideen über Freiheit, Gleichheit und Bürgerrechte auf die koloniale Welt übertrug. Zugleich kollidierten diese Impulse mit den etablierten imperialen Ordnungen Europas, den wirtschaftlichen Interessen der Zucker- und Plantagenökonomie sowie den sozialen Strukturen der kolonialen Gesellschaften, die stark hierarchisch und rassifiziert organisiert waren. Die Auseinandersetzung mit den Ereignissen in Saint-Domingue ist deshalb nicht nur für die koloniale Geschichte zentral, sondern bietet auch wichtige Einsichten für postkoloniale Fragestellungen, globale Machtverschiebungen und die transnationale Wirkung revolutionärer Prozesse, etwa in Bezug auf Fluchtbewegungen, Handelsnetzwerke oder die Verbreitung revolutionärer Ideen über den Atlantik hinweg.

Während die Forschung bislang vor allem die inneren sozialen, ökonomischen und politischen Entwicklungen der Revolution untersucht hat – etwa die Rolle der Sklavenaufstände, die Transformation kolonialer Institutionen oder die internen Konflikte zwischen verschiedenen revolutionären Fraktionen –, blieben die militärischen Interventionen europäischer Mächte, insbesondere Großbritanniens, vergleichsweise unterbeleuchtet. Die britischen Expeditionen in Saint-Domingue sind jedoch ein Schlüssel für das Verständnis kolonialer und globaler Machtmechanismen: Sie zeigen, wie europäische Staaten versuchten, die Ausbreitung revolutionärer Ideen einzudämmen, ihre wirtschaftlichen Interessen zu sichern und zugleich die komplexen Wechselwirkungen zwischen lokalem Widerstand, kolonialer Verwaltung und globalen Konflikten zu navigieren. Diese Interventionen sind somit nicht nur militärhistorisch relevant, sondern erlauben auch, die Verflechtung von imperialen Strategien, transnationalen Dynamiken und lokalen sozialen Bewegungen systematisch nachzuvollziehen.

Primärquellenbasierte Rekonstruktion militärischer Operationen im kolonialen Kontext

Hier setzt das Buch Die britischen Militäraktionen gegen Haiti 1793–1798 von Jan‑Philipp Pomplun an. Es untersucht die britischen Operationen in Saint-Domingue zwischen 1793 und 1798 und legt dabei besonderes Gewicht auf eine selten ausgewertete Primärquelle: das Tagebuch des britischen Offiziers Thomas Phipps Howard. Dieses Dokument liefert ein authentisches Bild der britischen Militäraktionen aus erster Hand und erlaubt es, sowohl die strategischen Absichten als auch die operativen Herausforderungen der britischen Truppen detailliert nachzuvollziehen. Die Analyse von Pomplun zeigt, wie britische Entscheidungen in direktem Zusammenhang mit den revolutionären Dynamiken innerhalb der Kolonie standen und welche Faktoren letztlich zum Scheitern der Intervention führten.

Pompluns Studie bietet darüber hinaus eine systematische Einordnung der britischen Militäraktionen in die größeren geopolitischen und kolonialen Kontexte der Zeit. Sie untersucht die Wechselwirkungen zwischen europäischen Koalitionskriegen, kolonialen Interessen und lokalen revolutionären Bewegungen. Besonders deutlich wird, dass die britischen Unternehmungen nicht nur militärisch erfolglos blieben, sondern durch ihr Eingreifen indirekt die Konsolidierung der revolutionären Kräfte in Saint-Domingue unterstützten.

Die Untersuchung erstreckt sich von der Vorbereitung der Expeditionen über die Invasionsphase bis hin zu Defensive, Rückzug und endgültiger Evakuierung der britischen Truppen. Dabei werden die verschiedenen britischen Operationen auf Grundlage zeitgenössischer Aufzeichnungen und strategischer Entscheidungen nachgezeichnet und in die militärische Logik der Zeit eingebettet. Neben den reinen Gefechtsverläufen behandelt die Studie auch organisatorische Aspekte wie Versorgung, Disziplin und Militärjustiz, die maßgeblich das Zustandekommen und Scheitern der Einsätze beeinflussten. Das Tagebuch erlaubt zudem detaillierte Einblicke in den Alltag der Truppen, die Belastungen der Soldaten sowie ihr Verhalten gegenüber Desertionen und internen Disziplinproblemen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Auswirkungen von Tropenkrankheiten wie Gelbfieber und Malaria auf die britischen Streitkräfte, einem oft unterschätzten Faktor, der hier anhand zeitgenössischer Quellen direkt belegt und in die Analyse der militärischen Operationen integriert wird.

Das Buch verbindet militärhistorische Analyse, Primärquellenforschung und transhistorische Kontextualisierung und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur kolonial- und imperienhistorischen Forschung. Es bietet detaillierte Einblicke in die strategischen Planungen und taktischen Herausforderungen britischer Truppen, beleuchtet zugleich aber die sozialen, politischen und revolutionären Rahmenbedingungen, in denen diese Operationen stattfanden. Dadurch eröffnet die Studie Perspektiven auf die Interaktion zwischen europäischen Mächten und kolonialen Gesellschaften in der späten Neuzeit, die in der bisherigen Literatur häufig nur am Rande behandelt wurden.

Neue Einsichten in koloniale Macht und militärische Dynamik

Die Relevanz des Buches liegt in mehreren zentralen Dimensionen. Zum einen eröffnet die sorgfältige Auswertung des Tagebuchs von Thomas Phipps Howard einen Zugang zu bislang wenig genutzten Primärquellen, die ein unmittelbares, authentisches Zeugnis der britischen Militäraktionen gegen Saint-Domingue darstellen. Diese Quellen erlauben es, die strategischen Entscheidungen, operativen Herausforderungen und alltäglichen Abläufe der britischen Truppen aus der Perspektive eines Zeitzeugen nachzuvollziehen, wodurch die Forschungsebene deutlich erweitert wird.

Zum anderen bietet die Studie eine differenzierte Analyse der globalen Dimensionen der Haitianischen Revolution. Durch die Verknüpfung militärischer, politischer und sozialer Aspekte wird gezeigt, wie die britischen Interventionen nicht isoliert zu betrachten sind, sondern in den Kontext europäischer Machtinteressen, transatlantischer Handels- und Kolonialverflechtungen sowie lokaler revolutionärer Bewegungen eingebettet waren. Die Arbeit macht damit die komplexen Wechselwirkungen zwischen imperialen Strategien und kolonialen Emanzipationsprozessen sichtbar, die für das Verständnis der Epoche entscheidend sind.

Darüber hinaus stellt das Buch für Historiker:innen, Politikwissenschaftler:innen und Forschende im Bereich koloniale und transnationale Geschichte ein wertvolles analytisches Werkzeug dar. Die systematische Erschließung der Primärquellen in Verbindung mit der Kontextualisierung historischer Ereignisse ermöglicht eine präzise Rekonstruktion komplexer Prozesse. Gleichzeitig unterstützt die Studie die kritische Analyse von Machtstrukturen, militärischer Logik und sozialen Dynamiken, wodurch historische Ereignisse nicht nur rekonstruiert, sondern auch interpretativ eingeordnet werden können.

Insgesamt leistet die Arbeit damit einen entscheidenden Beitrag zur kolonial- und imperienhistorischen Forschung, indem sie strategische, soziale und politische Dimensionen der britischen Militäraktionen auf Haiti umfassend analysiert und verknüpft, und stellt somit eine fundierte Basis für weitere Forschung in transnationaler und revolutionärer Geschichte bereit.


Bibliografische Angaben: 
Die britischen Militäraktionen gegen Haiti 1793-1798 ISBN: 978-3-941274-01-3 Verlag: Optimedien Erhältlich über: elitebuch.com und im einschlägigen Fachbuchhandel.