Wirtschaftliche Entwicklung und Migration: Perspektiven auf transnationale Investitionsstrategien in Afrika

von Manuela Elers | Okt. 3, 2025 | Pressemitteilung

Makroökonomische Anreize und transnationale Strategien

Die Debatte über Migration zwischen Afrika und Europa gehört zu den zentralen Themen der europäischen Außen‑ und Entwicklungspolitik des 21. Jahrhunderts. Seit der sogenannten „Europäischen Migrationskrise“ von 2015 intensivieren politische Akteure in der EU und ihren Mitgliedstaaten Strategien, die darauf abzielen, die Ursachen unregulierter Migrationsbewegungen zu adressieren und gleichzeitig wirtschaftliche Entwicklungsperspektiven in afrikanischen Partnerstaaten zu stärken. Das Konzept der Förderung direkter Auslandsinvestitionen (Foreign Direct Investment, FDI) wird in diesem Zusammenhang zunehmend als Baustein einer aggregierten Migrationsstrategie diskutiert. Diese strategische Orientierung reflektiert einen Wandel in der Entwicklungszusammenarbeit: weg von reiner Bedürfnis‑ bzw. Armutsbekämpfung hin zu investitions‑ und wachstumsorientierten Maßnahmen, die vermeintlich strukturelle Motivationen für Migration reduzieren sollen.

Vor dem Hintergrund der raschen demografischen Expansion zahlreicher afrikanischer Länder, persistierender wirtschaftlicher Ungleichheiten und divergierender Wachstumspfade stellt sich die Frage, inwiefern externe Investitionsförderung tatsächlich zur nachhaltigen Entwicklung beitragen und zugleich den Druck auf Migrationsbewegungen mindern kann. Solche Investitionsstrategien sind nicht nur wirtschaftspolitisch relevant, sondern auch Bestandteil übergeordneter regionaler Partnerschaftsstrategien zwischen Europa und afrikanischen Staaten, etwa im Rahmen der EU‑Africa‑Kooperation und globaler Instrumente wie des Global Gateway-Investitionspakets, das breite Infrastruktur‑, Digital‑ und Beschäftigungsprogramme in Afrika unterstützt.

Strukturelle Divergenzen, institutionelle Herausforderungen und Handlungsspielräume

Das Buch European Investment Promotion in Africa as a Counter‑Migration Initiative? von Oliver Thorsten Ried widmet sich der wissenschaftlichen Analyse der These, dass Investitionsförderung in Afrika als Instrument zur Eindämmung migrationsbedingter Fluchtbewegungen dienen kann. Ausgangspunkt ist eine kritische Auseinandersetzung mit der politischen Rhetorik hinter Initiativen wie dem „Marshall Plan with Africa“ der deutschen Bundesregierung, der darauf abzielt, private Unternehmensaktivitäten in Afrika zu unterstützen – mit der impliziten Erwartung, dass gesteigertes Wirtschaftswachstum und Beschäftigung die Migrationsanreize verringern. Die Publikation verbindet dabei entwicklungspolitische, ökonomische und migrationstheoretische Perspektiven zu einem integrierten Betrachtungsrahmen.

Zentrales Anliegen der Untersuchung ist es, die zugrundeliegenden Annahmen über den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, Investitionsdynamiken und Migrationsverläufen empirisch fundiert zu hinterfragen. Hierbei werden sowohl makroökonomische Trends als auch mikroökonomische Mechanismen berücksichtigt. Der Fokus liegt auf der Frage, ob und unter welchen Bedingungen ausländische Direktinvestitionen zur strukturellen Verbesserung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen in afrikanischen Ländern beitragen können und ob solche Effekte tatsächlich migrationspolitisch relevant sind.

Die Methodik der Studie ist komplex und mehrstufig: Im ersten Teil wird der theoretische Stand der Forschung zu ausländischen Direktinvestitionen, Wirtschaftsentwicklung und Migration dargestellt und kritisch reflektiert. Hierzu werden makroökonomische Daten, theoretische Konzepte sowie bestehende empirische Evidenz ausgewertet. Anschließend setzt der Autor eine fuzzy‑set qualitative comparative analysis (fsQCA) ein, um länderspezifische Konstellationen zu identifizieren, die als notwendig oder hinreichend für Investitionswirkung und Entwicklung gelten können. Darüber hinaus werden 31 semi‑strukturierte Experteninterviews einbezogen, die Einsichten aus Praxis, Politik und Zivilgesellschaft einbringen.

Ein weiterer methodischer Baustein ist die detaillierte Analyse sogenannter Special Economic Zones (SEZs) in Afrika, die als eine verbreitete Politikform zur Förderung ausländischer Investitionen gelten. Diese SEZs werden anhand von Feldforschung, Interviewdaten und GIS‑basierter Analyse untersucht, um zu klären, welche strukturellen Bedingungen und institutionellen Rahmenfaktoren Investitions‑ und Beschäftigungseffekte erzeugen bzw. hemmen.
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Implikationen für Theorie, Politik und Praxis

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist, dass der Zusammenhang zwischen Investitionsförderung und Migration nicht monokausal ist. Direkte Auslandsinvestitionen können zwar zu Wachstum, Beschäftigung und wirtschaftlicher Diversifikation beitragen, doch hängt ihre Wirkung maßgeblich von institutionellen Rahmenbedingungen, Governance‑Qualität sowie der mikroökonomischen Realität vor Ort ab. SEZs zeigen – abhängig von Standort, Rechtsrahmen und Infrastrukturoptimierung – sehr unterschiedliche Ergebnisse im Hinblick auf Beschäftigung und produktive Vernetzung mit der lokalen Wirtschaft.

Weitere strukturelle Herausforderungen betreffen die begrenzte Leistungsfähigkeit nationaler Institutionen, unzureichende Infrastruktur, Risiken politischer Instabilität und hohe Transaktionskosten, die Investitionsentscheidungen negativ beeinflussen. Diese Faktoren wirken zugleich als Barrieren für die Schaffung nachhaltiger Beschäftigungsperspektiven und damit auch für eine langfristige Reduktion migrationsrelevanter Push‑Faktoren. Zudem zeigt die Analyse, dass eine kurzfristige Verbesserung der Einkommen oft zunächst die Fähigkeit zur Migration erhöht, bevor langfristig stabilisierende Effekte eintreten können.

Die Publikation richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Entwicklungsökonomie, Migrationsforschung und internationalen Politik sowie an politische Entscheidungsträger und Praktiker in Entwicklungs‑ und Außenpolitik. Sie liefert einen analytisch fundierten Beitrag zur Frage, ob Investitionspolitik als Bestandteil migrationspolitischer Strategien sinnvoll eingesetzt werden kann, und welche Voraussetzungen hierfür erfüllt sein müssen.

Darüber hinaus leistet das Buch einen Beitrag zur Versachlichung einer oft emotional geführten Debatte über Migration und Entwicklung. Durch die Verbindung quantitativer und qualitativer Methoden bietet es eine solide empirische Grundlage für weiterführende Forschungsfragen und politische Evaluationsprozesse.

European Investment Promotion in Africa as a Counter‑Migration Initiative? bietet eine differenzierte Analyse der komplexen Verknüpfungen zwischen ausländischen Direktinvestitionen, wirtschaftlicher Entwicklung und migrationspolitischen Zielen. Die Studie zeigt, dass Investitionsförderung in Afrika nicht automatisch migrationsdämpfend wirkt, sondern von einem breiten Spektrum institutioneller, wirtschaftlicher und sozialer Faktoren abhängt, die in ihrer Wechselwirkung verstanden werden müssen.

Bibliografische Angaben: European Investment Promotion in Africa as a Counter-Migration Initiative? ISBN: 978-3-86376-270-4 Verlag: Optimedien Erhältlich über: elitebuch.com und im einschlägigen Fachbuchhandel.