Geisterspiele und Millionenstrafen: Steht die Sanktionspraxis des DFB rechtlich im Abseits?

von Sebastian Mendt | Sep. 17, 2025 | Pressemitteilung

Pyrotechnik, Platzstürme und Kollektivstrafen sorgen im deutschen Profifußball für dauerhafte Konflikte. Eine neue Publikation der Stiftung der Hessischen Rechtsanwaltschaft nimmt nun die Verbandsgerichtsbarkeit des DFB ins Visier und analysiert deren Rechtmäßigkeit – mit überraschenden Ergebnissen für Vereine und Fans.

Es ist ein Ritual, das fast jeden Spieltag der Bundesliga begleitet: In der Kurve brennen Fackeln, auf dem Rasen wird das Spiel unterbrochen, und wenige Wochen später flattert dem Verein der Strafbescheid des DFB-Sportgerichts ins Haus. Die Summen haben längst Millionenhöhe erreicht, doch die Wirkung bleibt umstritten. Während die Verbände auf Abschreckung und verschuldensunabhängige Haftung setzen, fühlen sich Vereine oft als Sündenböcke für Täter, die sie kaum kontrollieren können. Die Debatte um sogenannte „Kollektivstrafen“ – von der Blocksperre bis zum Geisterspiel – spaltet die Liga und die Kurven.

Doch auf welchem juristischen Fundament steht diese Praxis eigentlich? Darf ein Verband einen Verein für das Verhalten Dritter bestrafen, selbst wenn dieser alle Sicherheitsauflagen erfüllt hat? In diese hochemotionale Debatte bringt der neu erschienene Band 11 der Schriftenreihe der Stiftung der Hessischen Rechtsanwaltschaft mit dem Titel „Viel Rauch um nichts?“ nun die notwendige sachliche Schärfe. Das Werk versammelt die prämierten Beiträge eines bundesweiten Aufsatzwettbewerbs, in dem Nachwuchsjuristen die Grenzen der Sportgerichtsbarkeit neu vermessen.

Verschuldensunabhängige Haftung auf dem Prüfstand

Das Buch, das durch ein Geleitwort von Axel Hellmann (Vorstandssprecher und Vorstandsmitglied Eintracht Frankfurt AG) eröffnet wird, trifft den Nerv der Zeit. Die Autoren untersuchen, ob die im DFB-Recht verankerte „verschuldensunabhängige Haftung“ der Clubs mit staatlichem Recht und allgemeinen Gerechtigkeitsgrundsätzen vereinbar ist. Die Analyse deckt auf, dass das Sportrecht hier oft in einem Spannungsfeld zur zivilrechtlichen Dogmatik steht. Diskutiert wird etwa, inwieweit § 830 BGB (Mittäter und Beteiligte) als Brücke für Sanktionen dienen kann und wo die Grenze zwischen legitimer Prävention und unzulässiger Strafe verläuft.

Prominente Jury und klare Thesen

Die Qualität der Beiträge wird durch die hochkarätige Besetzung der Jury unterstrichen: Mit der renommierten Sportrechtlerin Prof. Dr. Anne Jakob, LL.M. und Dr. Jörg Dauernheim (Vorsitzender Richter im Schiedsgericht der Deutschen Eishockeyliga) bewerteten ausgewiesene Experten die Arbeiten.

Die Preisträger – darunter Nebahat Cakir, Monique Peitzmeier, Dr. Kevin Bork und Lukas Straub – liefern keine einheitliche Verteidigung der Fanszene, sondern differenzierte Lösungsansätze:

  • Grenzen der Autonomie: Die Beiträge zeigen auf, dass die Verbandsautonomie kein Freifahrtschein für willkürliche Strafen ist. Wenn Sanktionen wie Geisterspiele in Grundrechte von Unbeteiligten eingreifen, gerät das System unter Rechtfertigungsdruck.
  • Prävention statt Strafe? Ein zentraler Aspekt ist die Frage, ob Geldstrafen überhaupt geeignet sind, das Verhalten von Ultras zu steuern, oder ob sie lediglich die Kassen der Verbände füllen, ohne das Sicherheitsproblem zu lösen.
  • Soziologischer Blick: Neben der reinen Paragrafen-Arbeit blickt der Band auch auf die fankulturellen Dynamiken. Die Autoren argumentieren, dass eine Kriminalisierung ganzer Kurven oft zu Solidarisierungseffekten führt, die das Gegenteil des Gewollten bewirken.

Ein Handbuch für die Praxis

Herausgegeben vom Vorstand der Stiftung – Dr. Mark C. Hilgard, Dr. Rudolf Lauda und Dr. h.c. Hans-Joachim Otto – ist Band 11 weit mehr als eine akademische Fingerübung. Er ist Pflichtlektüre für Vereinsverantwortliche, die Argumentationshilfen gegenüber Verbänden suchen, für Sportanwälte und für Fanvertreter, die die rechtlichen Hintergründe der Stadionverbote verstehen wollen. Das Werk beweist: Im Sportrecht ist noch längst nicht das letzte Wort gesprochen.


Publikationshinweis: Das Thema wird vertieft behandelt in: Titel: Viel Rauch um nichts? Untertitel: Ein Feuerwerk an Argumenten zu Kollektivstrafen im Sport Reihe: Schriftenreihe der Stiftung der Hessischen Rechtsanwaltschaft, Band 11 Autoren: Dr. Kevin Bork, Johannes Knierbein, Lukas Straub, Michael Knierbein, Monique Peitzmeier, Nebahat Cakir, Nils Winkler Geleitwort: Axel Hellmann (Eintracht Frankfurt) Gutachter: Prof. Dr. Anne Jakob, Dr. Jörg Dauernheim Verlag: Optimedien ISBN: 978-3-86376-267-4 Web: elitebuch.com (Leseprobe)