Peer Review ist das zentrale Qualitätssicherungsverfahren in der Wissenschaft. Bevor ein Artikel, ein Sammelbandbeitrag oder eine Monographie in einer Fachzeitschrift oder einem wissenschaftlichen Verlag erscheint, wird er in vielen Fällen von unabhängigen Fachkolleg:innen begutachtet. Ziel ist nicht, „Fehlerfreiheit zu garantieren“, sondern die wissenschaftliche Qualität, Nachvollziehbarkeit und Anschlussfähigkeit eines Beitrags zu überprüfen und – im besten Fall – zu verbessern.
Gerade für Qualifikationsschriften und Fachbücher ist es wichtig zu verstehen, wie Peer Review funktioniert, welche Varianten es gibt und wie sich Autor:innen konstruktiv in diesen Prozess einbringen können.
Übersicht
Funktionen des Peer Review
Peer Review erfüllt mehrere Aufgaben zugleich:
- Qualitätssicherung
Fachgutachter:innen prüfen, ob Fragestellung, Methode, Argumentation und Ergebnisse wissenschaftlichen Standards entsprechen. Unsaubere Argumentationen, methodische Schwächen oder Überdehnungen von Befunden sollen identifiziert und reduziert werden. - Filter und Einordnung
Zeitschriften und Reihen positionieren sich über thematische und methodische Profile. Peer Review hilft Herausgeber:innen und Redaktionen zu entscheiden, ob ein Beitrag in dieses Profil passt und welchen Stellenwert er im bestehenden Diskurs einnehmen kann. - Weiterentwicklung von Manuskripten
Gutachten enthalten häufig konkrete Hinweise zu Struktur, Literatur, Begriffsverwendung oder Datenauswertung. Autor:innen erhalten damit eine qualifizierte Außenperspektive, die zur Verbesserung des Textes beiträgt – auch wenn nicht jede Anregung übernommen werden muss. - Vertrauensbildung
Leser:innen, Bibliotheken, Förderinstitutionen und die Öffentlichkeit können bei peer-reviewten Publikationen davon ausgehen, dass sie einen Mindeststandard an wissenschaftlicher Sorgfalt durchlaufen haben.
Peer Review ist damit kein formaler „Haken“, sondern Teil des wissenschaftlichen Gesprächs: Ein Text wird nicht nur veröffentlicht, sondern zuvor vor dem Forum der Fachkolleg:innen erprobt.
Abläufe im klassischen Peer-Review-Verfahren
Auch wenn Details je nach Zeitschrift, Fach und Verlag variieren, folgt das klassische Peer Review meist einem ähnlichen Ablauf:
- Einreichung
Autor:innen reichen ihr Manuskript bei einer Zeitschrift, Reihe oder einem Verlag ein – oft bereits mit einer bestimmten Formatierung und einem Kurzexposé (Cover Letter). - Erste redaktionelle Prüfung (Desk Review)
Die Redaktion oder Herausgeber:innen prüfen, ob das Manuskript grundsätzlich zum Profil passt und formal die Mindestanforderungen erfüllt (Thema, Länge, Sprache, Zitierweise, Ethikvorgaben, ggf. Plagiatscheck).- Wird es bereits hier abgelehnt, spricht man von einer „Desk Rejection“.
- Auswahl der Gutachter:innen
Passende Fachkolleg:innen werden eingeladen, das Manuskript zu begutachten. Je nach Verfahren ein bis drei, teilweise mehr Gutachten. - Begutachtung
Die Gutachter:innen lesen das Manuskript und fertigen Berichte an, die typischerweise folgende Elemente enthalten:- Gesamturteil (Annahme, Überarbeitung, Ablehnung),
- Begründung (Stärken, Schwächen, Relevanz),
- konkrete Verbesserungsvorschläge (z. B. Literatur, Struktur, Methoden, Klarstellungen).
- Redaktionelle Entscheidung
Die Redaktion wertet die Gutachten aus und trifft eine Entscheidung:- Annahme (selten ohne Änderungen),
- Überarbeitung mit erneuter Begutachtung (major/minor revisions),
- oder Ablehnung.
- Überarbeitung durch die Autor:innen
Autor:innen arbeiten die Vorschläge ein, erstellen eine überarbeitete Fassung und meist ein „Response Letter“, in dem sie Punkt für Punkt auf die Gutachten eingehen – inklusive Begründungen, wenn Anregungen nicht umgesetzt werden. - Finale Entscheidung und Produktion
Nach akzeptierter Überarbeitung erfolgt die Annahme; das Manuskript wird in den Produktionsprozess überführt (Lektorat, Satz, Korrekturen) und schließlich als Version of Record publiziert.
Peer Review ist damit iterativ: Es lebt von Rückkopplung und Überarbeitung – und verlangt auf beiden Seiten (Gutachten, Autor:innen) Zeit und Sorgfalt.
Varianten des Peer Review
Im Laufe der Zeit haben sich unterschiedliche Peer-Review-Formen herausgebildet, die sich vor allem in der Transparenz der Beteiligten unterscheiden:
- Single Blind Peer Review
Die Gutachter:innen kennen die Identität der Autor:innen, bleiben selbst aber anonym.- Vorteil: Gutachter:innen können die Arbeit in den Kontext der Autor:innen einordnen.
- Nachteil: Potenzielle Bias-Risiken (z. B. aufgrund von Reputation, Institution, Geschlecht).
- Double Blind Peer Review
Weder Gutachter:innen noch Autor:innen kennen gegenseitig die Namen (zumindest formal; Rückschlüsse über Inhalte sind aber oft möglich).- Ziel: Reduktion persönlicher oder institutioneller Verzerrungen.
- Open Peer Review
Identitäten sind offengelegt, teilweise werden Gutachten veröffentlicht, manchmal auch als Teil der Publikation.- Ziel: Transparenz, Verantwortlichkeit, erkennbare Diskussion.
Daneben gibt es weitere Varianten, etwa:
- Post-Publication Peer Review (Begutachtung nach der Veröffentlichung, z. B. in Kommentarform),
- Registered Reports (Begutachtung des Studiendesigns vor der Datenerhebung, Zusage der Publikation bei sauberer Durchführung),
- oder hybride Modelle, bei denen z. B. Autor:innen Gutachter:innen vorschlagen können.
Welche Form gewählt wird, hängt von Fachkultur, Zeitschrift und verfolgten Zielen (Anonymität vs. Transparenz, Geschwindigkeit vs. Tiefe) ab.
Chancen und Grenzen des Peer Review
Peer Review ist ein bewährtes, aber nicht perfektes Verfahren.
Chancen und Stärken:
- Es bündelt fachliche Expertise und filtert Arbeiten, die gravierende methodische oder inhaltliche Mängel aufweisen.
- Es trägt dazu bei, dass Beiträge besser lesbar, klarer strukturiert und besser begründet werden.
- Es kann neue Forschungsperspektiven öffnen, etwa durch Literaturhinweise oder methodische Anregungen.
Grenzen und Kritikpunkte:
- Peer Review ist zeitaufwändig – für Autor:innen, Gutachter:innen und Redaktionen.
- Entscheidungen sind nicht frei von Subjektivität: Themen, Methoden oder Ansätze können je nach Gutachter:in unterschiedlich bewertet werden.
- Innovation und Interdisziplinarität stoßen mitunter auf größere Hürden, wenn sie nicht in etablierte Muster passen.
- Ungleiche Arbeitsbelastung: Ein relativ kleiner Kreis stark publizierender Wissenschaftler:innen trägt oft einen großen Teil der Gutachtenarbeit.
Trotz dieser Kritikpunkte gilt Peer Review bislang als bester verfügbarer Standard zur Qualitätssicherung – nicht, weil es perfekt ist, sondern weil alternative Modelle (rein redaktionelle Entscheidungen, reine Community-Ratings) andere, teils größere Probleme mit sich bringen.
Rolle von Peer Review im Open-Access- und Preprint-Zeitalter
Mit der zunehmenden Verbreitung von Open Access und Preprints hat sich das Umfeld des Peer Reviews verändert, nicht aber seine Grundfunktion.
- Preprints beschleunigen die Sichtbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse, stehen aber zunächst ohne formales Peer Review im Raum. Die Begutachtung durch Zeitschriften oder Reihen folgt nach – oder auch parallel.
- Open-Access-Zeitschriften nutzen in der Regel die gleichen Peer-Review-Verfahren wie Subskriptionsjournale; das Geschäftsmodell (APCs, institutionelle Finanzierung) ändert nichts an der Notwendigkeit des fachlichen Begutachtens.
- Neue Modelle, etwa offene Gutachten oder transparente Review-Prozesse, werden vor allem im digitalen Umfeld erprobt.
Für Autor:innen bedeutet das:
- Die Qualitätssicherung durch Peer Review bleibt zentral – unabhängig davon, ob die Veröffentlichung am Ende frei zugänglich ist oder nicht.
- Preprints und Zweitveröffentlichungen ergänzen den Prozess, ersetzen ihn aber nicht.
Konstruktiv mit Gutachten umgehen
Für viele Autor:innen – insbesondere beim ersten größeren Projekt (Dissertation, Habilitation, erstes Fachbuch) – ist der Umgang mit Peer-Review-Gutachten eine Herausforderung. Einige Leitlinien helfen, den Prozess konstruktiv zu nutzen:
- Gutachten als fachliches Feedback lesen, nicht nur als „Hürde“: Auch kritische Rückmeldungen zielen in der Regel darauf, Text und Argumentation zu verbessern.
- Emotionale Reaktion trennen von der sachlichen Analyse: Erst einmal Abstand gewinnen, dann Punkt für Punkt durchgehen.
- Systematisch antworten: In einem Response-Dokument sollte auf jede Anmerkung eingegangen werden – mit kurzer Darstellung, wie sie umgesetzt wurde oder warum man bewusst anders vorgeht.
- Redaktion einbeziehen, wenn Gutachten widersprüchlich sind oder offenkundig aneinander vorbeireden: Herausgeber:innen können helfen, die Gewichte zu klären.
Konstruktiver Umgang mit Peer Review ist ein Lernprozess, der mit jeder Einreichung leichter wird – und langfristig auch die eigene Fähigkeit stärkt, selbst verantwortungsvolle Gutachten zu verfassen.
Peer Review bei Optimedien
Im Programm von Optimedien – mit Schwerpunkten in Rechtswissenschaft, Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften und ausgewählten naturwissenschaftlichen Themen – ist Peer Review ein zentraler Baustein der Qualitätssicherung.
Das bedeutet konkret:
- Reihen und Publikationsformate (z. B. Dissertationen, Habilitationen, Monographien, Sammelbände) arbeiten mit fachlich ausgewiesenen Herausgeber:innen und Gutachter:innen, die Manuskripte inhaltlich prüfen.
- Je nach Reihe kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz – etwa klassische externe Gutachten für Qualifikationsschriften oder kombinierte Herausgeber:innen- und Fachgutachten für thematische Sammelbände und Fachbücher.
- Der Begutachtungsprozess wird so gestaltet, dass er
- fachlich anspruchsvoll,
- transparent in seiner Logik (wenn auch nicht zwingend offen in den Namen),
- und für Autor:innen nachvollziehbar ist.
Ziel ist ein Peer Review, das Qualität sichert und Texte verbessert, statt sie nur zu „sortieren“. Für Autor:innen heißt das:
- Ihre Arbeiten werden ernst genommen und auf Augenhöhe geprüft.
- Sie erhalten qualifiziertes Feedback, das zur Weiterentwicklung ihrer Texte beiträgt.
- Und sie publizieren in einem Umfeld, in dem das Peer-Review-Verfahren nicht nur formaler Standard, sondern gelebte Praxis wissenschaftlicher Redlichkeit ist.
So bleibt Peer Review das, was es im Kern sein soll: ein strukturierter, kritischer, aber produktiver Dialog unter Fachleuten – zum Nutzen der Autor:innen, der Leser:innen und der wissenschaftlichen Qualität insgesamt.
Ihre OPTIMEDIEN Redaktion

